Wenn die Landschaft zur Architektur wird

In Medora, North Dakota, ist eine Präsidentenbibliothek entstanden, die weniger wie ein Monument als wie ein Teil der Landschaft wirkt. Snøhetta verbindet für die Theodore Roosevelt Presidential Library Architektur, Topografie und Erinnerungskultur zu einem ungewöhnlichen…

24. August 2026
© Adobe Stock

In Medora, North Dakota, ist eine Präsidentenbibliothek entstanden, die weniger wie ein Monument als wie ein Teil der Landschaft wirkt. Snøhetta verbindet für die Theodore Roosevelt Presidential Library Architektur, Topografie und Erinnerungskultur zu einem ungewöhnlichen Ensemble inmitten der Badlands.

Ein Gebäude, das sich zurücknimmt

Medora ist ein kleiner Ort mit weniger als 200 Einwohnerinnen und Einwohnern und eng mit der Geschichte Theodore Roosevelts verbunden. Roosevelt kam 1883 erstmals nach North Dakota und kehrte nach dem Tod seiner Frau und seiner Mutter im Jahr 1884 in die Badlands zurück. Er lebte und arbeitete dort über längere Zeit als Rancher. Neben der Maltese Cross Ranch gründete er die weiter nördlich gelegene Elkhorn Ranch, die zu seinem wichtigsten Rückzugsort in der Region wurde. Die Landschaft North Dakotas prägte ihn nachhaltig und beeinflusste später auch seine Haltung zum Schutz von Natur und öffentlichen Landschaften.

An diese Verbindung knüpft die neue Presidential Library an. Sie liegt auf einem markanten Hügel am Rand des Theodore Roosevelt National Park und ist bereits aus der Entfernung kaum als klassisches Gebäude zu erkennen. Stattdessen scheint sich die Architektur in die Topografie einzufügen. Das begehbare, begrünte Dach setzt die Landschaft architektonisch fort und ist mit einer vielfältigen Auswahl heimischer Präriepflanzen bepflanzt. Im Rahmen des Native Plant Project wurden Samen von mehr als 200 heimischen Pflanzenarten gesammelt und für die Renaturierung des Geländes kultiviert.

Damit folgt der Entwurf einer Idee, die für das gesamte Projekt entscheidend ist: Die Landschaft soll nicht bloß Hintergrund für das Gebäude sein, sondern selbst zum architektonischen Raum werden. Snøhetta beschreibt das Konzept entsprechend als „The Library is the Landscape“. Ein fast 1,6 Kilometer langer Weg beziehungsweise Boardwalk führt durch das Gelände und verbindet verschiedene Aussichtspunkte, Aufenthaltsbereiche und Lernorte. Auch Außenunterricht und Veranstaltungen sind Teil des Konzepts.

Erst aus der Nähe wird die Dimension des Gebäudes deutlich. Unter dem weit ausgreifenden begrünten Dach liegen unterschiedliche Nutzungsbereiche, die über gemeinsame Wege und einen zentralen Raum miteinander verbunden sind. Ausstellungs- und Bildungsangebote, ein Auditorium sowie weitere öffentliche Bereiche werden dabei mit Bibliotheks- und Archivfunktionen verbunden. Die Architektur soll so weniger wie ein einzelnes Monument wirken als wie ein System aus Landschaft, Wegen und Gebäudeteilen.

Konstruktion mit regionalem Bezug

Die Verbindung zur Landschaft setzt sich im Inneren fort. Für die Konstruktion spielt Mass Timber eine zentrale Rolle. Die hybride Tragstruktur besteht unter anderem aus Brettsperrholz (CLT) und Brettschichtholz (Glulam). Die Holzkonstruktion bleibt teilweise sichtbar und macht die statische Struktur des Gebäudes nachvollziehbar. Ergänzt wird das Materialkonzept durch regionalen beziehungsweise wiederverwendeten Holz sowie Stampflehm und CO₂-reduzierten Beton.

Die Stampflehmwände sind dabei mehr als ein gestalterisches Element. Ihre sichtbaren Schichten erinnern an die geologischen Formationen der Badlands und übertragen damit eine Eigenschaft der Umgebung in den Innenraum. Gleichzeitig besitzt das Material eine hohe thermische Masse, die zur Stabilisierung der Raumtemperaturen beiträgt. Der Bau reagiert so nicht nur formal, sondern auch materiell auf seinen Standort.

Auch beim Betrieb steht der Anspruch auf Nachhaltigkeit im Mittelpunkt. Geothermie, Solarenergie und ein System zur Nutzung und Wiederverwendung von Wasser sind Teil des technischen Konzepts. Insgesamt verfolgt das Projekt einen besonders ambitionierten Nachhaltigkeitsansatz: Die Bibliothek strebt unter anderem die Full Living Building Certification der Living Building Challenge sowie hohe Zertifizierungsstufen bei LEED und SITES an. Die sogenannte „Four Zeros“-Strategie formuliert dabei die Ziele Zero Energy, Zero Water, Zero Emissions und Zero Waste.

Die Theodore Roosevelt Presidential Library wurde am 4. Juli 2026 eröffnet, dem 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit. Damit erhält Roosevelt an dem Ort, der ihn nach eigener Aussage und laut den historischen Darstellungen der Library entscheidend geprägt hat, einen neuen Erinnerungsort.

Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie sich eine Präsidentenbibliothek von einem klassischen Monument lösen kann. Statt Geschichte allein in einem Gebäude zu präsentieren, macht Snøhetta die Landschaft selbst zum zentralen Teil des Entwurfs. Architektur, Wege, Pflanzen, Materialien und Ausblicke werden zu Bestandteilen einer gemeinsamen Erinnerungskultur und die Landschaft wird damit nicht nur zum Hintergrund der Bibliothek, sondern zu ihrem wichtigsten architektonischen Element.

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